ITDR: Identity Threat Detection and Response für die Schweiz
ITDR (Identity Threat Detection and Response) erkennt Angriffe auf Identitäten selbst, nicht nur auf Endpoints oder Netzwerke. Ziel sind Konten, Tokens, Sessions, Berechtigungen und Identity-Provider wie Entra ID oder Okta. ITDR erweitert EDR und SIEM um Signale, die nur im Identity-Layer sichtbar sind: Impossible Travel, Consent-Phishing, Refresh-Token-Missbrauch, Rollen-Missbrauch, Angriffe auf Federation und Directory-Objekte. Für Schweizer Unternehmen mit M365, Entra ID und regulierten Prozessen ist ITDR heute so wichtig wie EDR vor fünf Jahren.
Abgrenzung: ITDR vs Token-Diebstahl vs Glossar
Diese Seite behandelt ITDR als Kategorie: welche Signale erkannt werden, wie ITDR in ein SOC eingebettet wird und wie es sich zu EDR und SIEM verhält. Der konkrete Angriffsvektor Token-Diebstahl (Adversary-in-the-Middle, Refresh-Token-Wiederverwendung, Session-Hijacking) ist auf Token-Diebstahl und Session-Hijacking beschrieben. Für eine Kurzdefinition siehe Glossar ITDR. Für den operativen SOC-Rahmen: SOC as a Service Schweiz.
Token-Diebstahl ist ein Angriff. ITDR ist die Detection- und Response-Disziplin, die solche Angriffe im Identity-Layer sichtbar macht und stoppt.
Welche Signale ITDR erkennt
| Signal | Was passiert | Warum EDR/SIEM allein es oft verpasst |
|---|---|---|
| Refresh-Token-Wiederverwendung | Ein gestohlener Refresh-Token wird von einem anderen Gerät oder IP-Bereich eingelöst. | Der eigentliche Login sieht sauber aus; nur der Identity-Provider sieht den Kontextwechsel. |
| Consent-Phishing / OAuth-App-Missbrauch | Nutzer erteilt einer bösartigen App weitreichende Graph-Berechtigungen; Angreifer greift Mail und Files ab. | Kein klassischer Login-Alert, kein Malware-Signal auf dem Endpoint. |
| Impossible Travel und ungewöhnliche Geolocation | Anmeldung aus Bern und drei Minuten später aus Singapur mit derselben Session. | SIEM sieht Logs, aber ohne Identity-Kontext keine Baseline pro Nutzer. |
| Privilege-Escalation im Directory | Neue Rollenzuweisung, Hinzufügen zu Global Admins, Änderungen an Conditional-Access-Policies. | Aktion sieht wie normale Admin-Arbeit aus; ITDR unterscheidet erwartet vs anomal. |
| MFA-Fatigue und Push-Bombing | Angreifer löst wiederholt MFA-Prompts aus, bis der Nutzer bestätigt. | Einzelner fehlgeschlagener Login wirkt harmlos; erst das Muster ist der Alert. |
| Federation- und Golden-SAML-Angriffe | Angreifer schmiedet SAML-Tokens mit gestohlenem Signing-Zertifikat und umgeht Login komplett. | Nichts auf dem Endpoint, nichts im SIEM-Standardfeed; nur Directory- und Signing-Telemetrie zeigt es. |
ITDR im Verhältnis zu EDR, SIEM und MDR
ITDR ersetzt weder EDR noch SIEM noch ein Managed-Detection-Angebot (MDR). Es schliesst die Lücke, die entsteht, wenn Angriffe nicht mehr am Endpoint oder im Netzwerk stattfinden, sondern am Identity-Provider. Ein modernes SOC korreliert ITDR-Signale mit EDR- und SIEM-Signalen: Ein verdächtiger Token-Einsatz gewinnt an Gewicht, wenn der zugehörige Endpoint einen Info-Stealer-Hit hatte. Umgekehrt wird ein EDR-Alert schwerwiegender, wenn parallel ein Consent-Grant auf ein sensitives Postfach erfolgt.
Warum ITDR in der Schweiz jetzt Pflicht wird
- M365 und Entra ID sind in Schweizer KMU und Konzernen Standard; Angreifer wissen das und zielen auf die Identity-Ebene, siehe BEC in M365.
- Token-Diebstahl umgeht klassisches MFA; ohne ITDR-Signale bleibt der Angriff bis zur Datenabfluss-Phase unbemerkt.
- revDSG- und FINMA-Vorgaben verlangen Nachvollziehbarkeit über wer wann was; ohne Identity-Telemetrie ist das nachträglich nicht rekonstruierbar. Siehe revDSG und SOC und SOC & FINMA-Anforderungen.
- ISG-Meldepflicht: Kompromittierte Identitäten mit Zugriff auf Personendaten können die 24h-Meldung auslösen, siehe SOC & ISG-Meldepflicht.
So wird ITDR in ein SOC eingebettet
- Telemetrie-Anbindung: Sign-In-Logs, Audit-Logs, Risk-Detections, Directory-Änderungen aus Entra ID, Okta oder AD; ergänzt um Graph-Aktivitäten in M365.
- Use-Case-Katalog: Token-Replay, Consent-Grants an unbekannte Apps, MFA-Bombing, Rollenwechsel ausserhalb Change-Windows, Session-Nutzung ausserhalb Gerätekontext.
- Response-Playbooks: Session-Invalidation, Refresh-Token-Revocation, Passwort-Reset, App-Consent-Widerruf, temporäre Sperre; alle Aktionen dokumentiert und einer verantwortlichen Person zurechenbar.
- Korrelation mit EDR und SIEM im SOC-Fall-Prozess; keine isolierten Alerts.
- Metriken: MTTD und MTTR auch für Identity-Fälle, nicht nur für Endpoint-Fälle.
ITDR reduziert Impact, ersetzt aber keine harten Kontrollen. Phishing-resistente MFA (FIDO2, Passkeys, zertifikatsbasiert), Conditional Access mit Geräte-Compliance und Continuous Access Evaluation sind die Grundlage; ITDR erkennt, was trotzdem durchkommt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen ITDR und EDR?
EDR beobachtet den Endpoint (Prozesse, Dateien, Speicher). ITDR beobachtet die Identität (Anmeldungen, Tokens, Rollen, Consent-Grants). Angriffe wie Token-Diebstahl oder Consent-Phishing hinterlassen auf dem Endpoint kaum Spuren; sie sind nur im Identity-Layer sichtbar. Siehe auch [EDR](/de/glossar/edr).
Reicht Entra ID Protection als ITDR?
Es ist ein Baustein, kein vollständiges ITDR. Entra ID Protection liefert Risk-Signale (Risky Sign-In, Risky User). Ein SOC braucht zusätzlich Detection-Regeln auf Graph-Aktivitäten, Consent-Grants, App-Registrations sowie Response-Playbooks. Für risikobasierte Erkennung ist mindestens Entra ID P2 nötig.
Wie verhält sich ITDR zu MDR?
MDR ist ein Bereitstellungsmodell (Managed Detection and Response). ITDR ist eine Detection-Kategorie. Ein gutes MDR-Angebot für die Schweiz enthält ITDR-Use-Cases; ein MDR ohne Identity-Coverage ist unvollständig. Siehe [Was ist MDR](/de/soc/was-ist-mdr).
Ist ITDR auch für KMU relevant?
Ja. Sobald M365 oder ein SaaS-Portfolio im Einsatz ist, ist die Identity-Ebene der primäre Angriffsweg. Für KMU lässt sich ITDR pragmatisch als Teil eines Managed SOC beziehen, siehe [SOC für KMU](/de/soc/soc-fuer-kmu).
Welche Response-Aktionen gehören zu ITDR?
Session-Invalidation, Refresh-Token-Revocation, Passwort-Reset, Widerruf bösartiger OAuth-App-Consents, temporäre Sperre, Rollen-Rollback. Jede Aktion muss dokumentiert und im Nachhinein einer verantwortlichen Person zurechenbar sein, damit revDSG- und FINMA-Nachvollziehbarkeit erfüllt ist.
Verwandte Begriffe
- IAM Identity and Access Management (IAM) regelt, wer auf welche Systeme und Daten in einer Organisation zugreifen darf.
- MFA Multi-Faktor-Authentifizierung verlangt bei der Anmeldung neben dem Passwort eine zweite Form der Verifizierung.
- Conditional Access Conditional Access ist eine Form der richtlinienbasierten Zugriffskontrolle für Benutzeranmeldungen und Sitzungen.
- Privilege Escalation Privilege Escalation bezeichnet das Erlangen höherer Rechte, als einem Konto oder Prozess eigentlich zustehen.
- Lateral Movement Lateral Movement beschreibt, wie sich Angreifer nach dem ersten Zugriff von System zu System bewegen und Rechte ausweiten.